geheime Mail geleakt

Der Bezirksverband von Bündnis 90/Die Grünen hat Ende Februar einen neuen Vorstand gewählt. Aus gewöhnlich gut informierter Quelle erreichte mich eine Mail mit diesem Inhalt:

Betreff: Vorsicht Satire!

Berlin, 27. Februar 2014

„Jetzt wird alles wieder gut!“
Grüne wählen neuen Vorstand – SPD gratuliert

Am Dienstagabend haben die Grünen in Charlottenburg-Wilmersdorf einen neuen Vorstand gewählt. Dem gingen monatelange Streitereien voraus, die fast zu einem Zerwürfnis zwischen grüner BVV-Fraktion und Kreisvorstand geführt hätten. Die Fraktionsvorsitzende Dr. Petra Vandrey sagte hierzu: „Jetzt wird alles wieder gut. Endlich ist es mit dem Streit vorbei. Mit dem neuen Vorstand haben wir schon im Vorfeld abgesprochen, dass der sich künftig aufs Moderieren beschränkt und sich nicht etwa in ernsthafte politische Initiativen krampft. Umgekehrt ist von uns selbst da ja sowieso nichts zu befürchten. Wir sind ja schließlich – das haben wir auch in der Vergangenheit immer wieder betont – nur Ehrenamtler. Da kann man von uns einfach nicht erwarten, dass wir einem hauptberuflichen Baustadtrat in den Arm fallen, wenn er der Bodenspekulation und der Vernichtung von Kleingärten im Bezirk hilflos gegenüber steht. Die SPD ist da ja schließlich auch viel erfahrener als wir. Hauptsache die rot-grüne Zählgemeinschaft steht, koste es uns, was es wolle.“

 

Dies scheint nun wirklich für den Rest der Wahlperiode festzustehen, wie den vonseiten der Sozialdemokraten eingehenden Glückwünschen zu entnehmen ist (siehe Auszug aus dem Facebook-Eintrag von Bernd Schwarz, dem neuen Schatzmeister, am Ende dieses Artikels). Der Kreisvorsitzende der SPD sagte uns freudestrahlend: „Endlich können wir wieder Vertrauen zu unserer kleinen Schwesterpartei haben. Aus denen wird nie etwas Eigenständiges! Wenn das mit dieser Frau Rouhani oder wie die heißt so weitergegangen wäre, hätten wir uns bei der nächsten Berlinwahl warm anziehen müssen.“

 

Beglückt gab sich auch die grüne Umweltstadträtin, Elfi Jantzen: „Nun muss ich endlich keine Angst mehr haben, dass mein lieber SPD-Kollege, Marc Schulte, mir bei meiner Arbeit im Bezirksamt nicht mehr hilft. Außerdem ist jetzt endlich die Absprache, die ich vor der letzten Wahl mit Nicole Ludwig getroffen habe, vollständig umgesetzt. Es war ja klar, dass es da nicht nur darum ging, ihr einen erfolgreichen Platz auf der Liste zur Abgeordnetenhauswahl und mir einen Stadtratsposten zu verschaffen – wir haben ganz andere Zukunftsvisionen!“

 

Schade, dass Frau Jantzen dies auf unsere Nachfrage nicht weiter konkretisieren konnte. Aber trotzdem schön, dass es in der heutigen Kommunalpolitik neben der irrsinnigen täglichen Arbeitsbelastung noch den Mut zum Blick über den Tellerrand gibt.

 

Auch von weiteren neuen Vorstandsmitgliedern konnten wir O-Töne einfangen. So freute sich Dr. Ellis Huber, ehemaliger Präsident der Berliner Ärztekammer und Gründer einer Krankenkasse, auf die vielfältigen kommunikativen Aufgaben, die ihm bevorstehen: „Ich bin ja in den letzten Wochen als Moderator zwischen Fraktion und Vorstand aufgetreten. Da habe ich gemerkt, dass es am einfachsten ist, ich mach‘ es selbst. Ich habe schon aus anderem Anlass gesagt, ich kriege natürlich ein derart verkrustetes, vermachtetes, verängstigtes, paranoides System nicht einfach transformiert. Das geht nur mit Revolutionen und Blut, Mord und Totschlag. Was wir jetzt erleben, ist die Endphase eines nicht mehr mit den gesellschaftlichen Interessen zu vereinbarenden Systems (TAZ-Artikel). Schade nur, dass ich in meiner Bewerbungsrede vergessen habe zu erwähnen, dass ich auch schon sehr erfolgreich im Immobiliensektor tätig war. Das wäre doch in Bezug auf die leidige Debatte um die Kolonie ‚Oeynhausen‘ der Knaller gewesen!“

 

Roland Prejawa schüttelte uns gegenüber noch einmal darüber den Kopf, dass jemand ein Problem darin sehen könnte, dass er nicht nur Vorstandsmitglied sondern daneben auch noch abhängig beschäftigter Büroleiter eines anderen Vorstandsmitglieds sei. „Ich denke nicht, dass es hier zu Interessenkonflikten kommen kann – wir sind ja alle Grüne. Bei der CSU in Bayern würde man so einen Unsinn auch nicht denken – und die sind schließlich ziemlich erfolgreich! Jetzt kann ich mich endlich mit aller Kraft einbringen – im letzten Wahlkampf habe ich das ja leider nicht geschafft, da war ich in Urlaub. Und die Fraktionssitzungen alleine, das war mir zu wenig. Deswegen bin ich da auch monatelang einfach nicht mehr hingegangen. Was mir wirklich Spaß gemacht hat, das waren die Kinoabende, die ich vor der letzten Berlinwahl auf die Beine gestellt habe. Daran möchte ich anknüpfen. Und das kostet dann auch nicht so viel Zeit. Ich bin ja eher ein Macher, da ist das wichtig.“

 

Christine Rabe, demnächst eine frische Frührentnerin, sagte: „Ich freue mich so! Ich bin ja noch nie im Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf gewesen – das ist einfach zu weit, wenn man in Pankow wohnt. Und jetzt gleich Vorstandsmitglied!“

 

Derweil kündigte Heidi Degethoff, ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der TU, an, dass nun endlich auch bei den Grünen Frauen und Männer gleichgestellt werden müssten. „Hier muss noch viel getan werden! Als Gewerkschaftsmitglied weiß ich, wovon ich rede.“ Degethoff weiter: „Außerdem haben wir bewusst die Hälfte des Vorstands mit drei älteren Menschen besetzt. Auch beim demographischen Wandel sind wir Grünen heute, wie damals bei der Atomkraft, unserer Zeit weit voraus! Und die Grüne Jugend hätte nach dem Zickenkrieg der letzten Monate eh keine Lust mehr auf Vorstandsarbeit gehabt.“

 

Dr. Zita Poethe, vielversprechende grüne Kommunalpolitikerin und BVV-Mitglied (nur der Redaktion bekannt), gab indessen zu verstehen, dass sie künftig den Vorstand in seiner Öffentlichkeitsarbeit unterstützen will. Sie wolle sich daher selbst als „Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit“ vorschlagen: „Es muss endlich Schluss damit sein, dass die nationale Kampfpresse etwas Positves über die Grünen schreibt. Stellen Sie sich vor, nach der letzten BDK wurde in der FAZ ein Mitglied des alten Kreisvorstands wörtlich zitiert! Die bundesweite Presse ist doch nicht die Spielwiese für Politiker aus Westberlin. Ich möchte lieber dafür sorgen, dass unser grüninternes Blatt „Stachel“ wieder 4x jährlich erscheint, egal wie inhaltsleer die Ausgaben dann auch sind. Warum heißt der eigentlich so?“

 

Alexander Kaas Elias gratulierte der scheidenden Nadia Rouhani zu dem, so seine Worte, „Befreiungsschlag“ und verwies auf seinen eigenen Rücktritt als Fraktionsvorsitzender. Dies habe ihm, sagte er uns, nach Monaten des Schweigens im Amt den Rücken freigemacht, damit er endlich wieder die vielen interessanten Neuigkeiten, die er durch seine Mitarbeitertätigkeit für einen Europaparlamentarier erfahre, über die verschiedenen grüneninternen Verteiler schicken könne.

 

Auch die anwesenden grünen Abgeordneten zeigten sich erleichtert. Nicole Ludwig, nun selbst in den Vorstand gewählt, freute sich, dass die große Koalition im Land in Zukunft wenigstens auf Bezirksebene nicht mehr mit den Grünen rechnen muss. Sie hatte just am Tag der Vorstandswahl ihre ersten politischen Aktivitäten seit ihrer Wahl ins Abgeordnetenhaus vor fast 2 1/2 Jahren mit der Erstausgabe eines schönen und vor allem sehr übersichtlichen Newsletter präsentieren können. Jochen Esser schließlich – er hatte sich im Bezirk zuletzt mit seinem engagierten Einsatz gegen den Erhalt der weltweit einmaligen Berliner Gasbeleuchtung als Kulturerbe hervorgetan („Damit können wir die Berliner CO2-Bilanz um mindestens ein trillardstel Promille verbessern. Das ist eine Zahl mit mindestens 20 Nullen hinter dem Komma – da kenne ich als Finanzexperte mich aus!“) – atmete auf: „Mit den Neuwahlen haben wir klargemacht, dass auch wir Realos herausragende Nachwuchspolitikerinnen, die in die Berliner Politik frischen Wind bringen und uns Grüne wieder sichtbar machen könnten, von heute auf morgen wegbeißen können – dafür brauchen wir nicht die Linken!“

 

 

🙂

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